Wer Materialflüsse automatisieren möchte, sollte nicht in einzelnen manuellen oder automatisierten Fahrzeugen oder Funktionen denken, sagt Andreas Schneider, Senior Vice President der Automation Business Unit bei KION ITS EMEA. Entscheidend sei vielmehr der Blick aufs große Ganze: das orchestrierte Gesamtsystem aus übergeordneten Softwarelösungen, Prozessen – und natürlich den spezifischen Geräten. Welche Kompetenz können Kundenunternehmen hier von Linde MH als One-Stop-Shop-Anbieter erwarten?
Herr Schneider, technologisch betrachtet ist Automatisierung das beherrschende Thema der Intralogistik. Blicken wir jedoch auf die praktische Seite, fällt das Bild heterogener aus. Manche Unternehmen arbeiten bereits hochautomatisiert, andere tasten sich erst an das Thema heran – wieder andere fahren hybride Lösungen. Wie begegnet Linde MH dieser Realität?
Andreas Schneider: Kurz gesagt, indem wir jedes Kundenunternehmen individuell in seinem Reifegrad abholen, um es dann in seiner weiteren Entwicklung zu begleiten. Im Gegensatz zu nahezu allen Mitbewerbern sind wir in der Lage, unsere Kunden sowohl in manuellen Szenarien als auch bei Projekten zur Teil- oder Vollautomatisierung zu unterstützen. Es kommen bei uns nämlich zwei Dinge zusammen: Erstens haben wir das Thema Automatisierung schon vor weit über zehn Jahren angepackt und konnten in unzähligen Kundenprojekten einen enormen Erfahrungsschatz anhäufen. Zweitens sind wir ein führender Anbieter im manuellen Geschäft, also bei klassischen Gegengewichtsstaplern oder Lagertechnik-Geräten. Mit diesem breiten Kompetenzspektrum im Rücken können wir uns voll auf das konzentrieren, was wirklich zählt: die beste Lösung für den Kunden, ohne Lücken, mit allem Drum und Dran …
Also quasi nach dem One-Stop-Shop- Prinzip. Was unterscheidet Linde MH hier von anderen Anbietern?
Andreas Schneider: Pointiert könnte man es so ausdrücken: Dass wir niemanden in eine bestimmte Richtung „argumentieren“ müssen, weil wir eben nicht im Portfolio diesen oder jenen Schwerpunkt haben. Würden wir – wie oft im Markt üblich – nur Teilbereiche abdecken, ergäbe das für den Kunden eine hohe organisatorische Komplexität: weil FTS A erstmal aufwendig mit Flottenmanagementsoftware B verheiratet werden muss und Stapler C mit all seinen Daten vielleicht ganz außen vor bleibt. Solche Brüche sind ineffizient. Deshalb positionieren wir uns als ganzheitlicher Integrator über den gesamten logistischen Prozess: vom Wareneingang übers Lager bis zum Warenausgang – und unabhängig davon, ob man einen manuellen Prozess gleich komplett automatisieren möchte oder zunächst eine Hybridlösung mehr Sinn ergibt, bei der manuelle mit automatisierten mobilen oder stationären Lösungen zusammenarbeiten.


Wir begleiten unsere Kunden, die bislang manuell arbeiten, Schritt für Schritt auf dem Weg von der Teil- bis zur Vollautomatisierung.
Andreas Schneider,
Senior Vice President der Automation Business Unit, KION ITS EMEA

Diese Aspekte führen uns natürlich direkt zum nächsten Thema: Software …
Andreas Schneider: Exakt. One-Stop-Shop schließt die Softwarethematik vollumfänglich ein. Alles muss zu allem passen und das Ganze in sich schlüssig sein. Ein gutes Beispiel ist unser modularer Linde Warehouse Manager. Er lässt sich nicht nur problemlos in bestehende IT-Landschaften einbinden, sondern ermöglicht die intelligente Orchestrierung verschiedener Flottenmanagementlösungen. Dank VDA 5050 können wir unsere AGVs in alle existierenden Plattformen bringen. Im Bereich des manuellen Flottenmanagements wiederum haben unsere Kunden mit myLinde eine holistische Lösung zur Hand.
Wie wir auf der LogiMAT gesehen haben, gibt es myLinde ja künftig mit KI-Unterstützung …
Andreas Schneider: Richtig! Und wer uns kennt, weiß: Wir machen das nicht, weil es gerade en vogue ist – sondern in diesem Fall wirklich unglaubliche Mehrwerte bringt. Mit myLinde AI führen wir Kunden nämlich weg von Dashboards und statischen Reportings hin zu zielgenauer Flottenoptimierung. Unsere KI greift auf alle individuellen Daten des Betriebs zurück: Das reicht von den Ladedaten der E-Stapler über Informationen aus Linde-Safety-Lösungen bis hin zu Leistungsdaten einzelner Fahrzeuge. All das kann man abfragen, in natürlicher Sprache, einfach per Prompt. Auf Basis der Daten werden dann konkrete Optimierungsvorschläge gemacht. Damit wollen wir unsere Kunden im täglichen Geschäft und den damit verbundenen Entscheidungen unterstützen. Was ich besonders spannend finde, ist unsere neue RTLS+ Lösung. Diese Echtzeitlokalisierung eröffnet eine Vielzahl von Möglichkeiten, wie zum Beispiel die Erstellung von Heatmaps, um kritische Verkehrszonen im Lager zu visualisieren. Für den Kunden ein perfekter Ansatzpunkt, um auch beim Thema Sicherheit effektiv nachzuschärfen. Von RTLS+ profitieren aber auch Betriebe mit hybriden Setups, in denen Menschen mit mobilen Lösungen interagieren.
Nachgeschärft hat Linde MH kürzlich ebenfalls bei seiner Range an automatisierten Fahrzeugen – zum Beispiel in Form des Linde I-MATIC AC core. Auf welche Szenarien zielt man hiermit?
Andreas Schneider: Da bewegen wir uns auf klassischem Linde MH-Territorium: Getränkeindustrie, Papierindustrie … also überall, wo es wirklich hart zugeht und auch Blocklagerungen Standard sind. Diesen Kunden liefern wir mit dem I-MATIC AC core einen automatisierten Hochhubwagen, der genau die Robustheit, Resttragfähigkeit und Individualisierbarkeit mitbringt, auf die es bei solchen Einsätzen ankommt.
Ein etwas breiteres Anwendungsspektrum verfolgen Sie mit dem neuen Linde T-MATIC core. Hier liest man, Sie hätten sich dabei an den „heiligen Gral“ der Automatisierung gewagt …
Andreas Schneider: Ich würde die Lösung vielleicht– ein bisschen weniger dramatisch – als „missing link“ betiteln; als das Puzzleteil in unserem Portfolio, auf das viele Kunden gewartet haben. Mit dem T-MATIC core schließen wir die Lücke der letzten Meile im Lager, indem wir es möglich machen, Lkw automatisiert zu be- und entladen. Das war bis jetzt ein klassisches manuelles Szenario.

Wir müssen niemanden in eine bestimmte Richtung „argumentieren“ und positionieren uns stattdessen als ganzheitlicher Integrator über den gesamten logistischen Prozess.
Andreas Schneider,
Senior Vice President der Automation Business Unit, KION ITS EMEA

Worin bestand die größte Herausforderung bei der Entwicklung?
Andreas Schneider: Wir wollten eine automatisierte Lösung schaffen, die alle Zutaten für sicheres und zuverlässiges Arbeiten schon an Bord hat. Der Kunde sollte keine Anpassungen oder Installationen in der Infrastruktur für Sicherheit oder Navigation vornehmen müssen oder speziell ausgerüstete Trailer benötigen. Deshalb setzen wir – etwa für die Navigation – auf eine hochentwickelte Kombination aus zwei unterschiedlichen Technologien, die im Lager wie im Trailer optimal funktionieren. Damit können wir unter anderem sicherstellen, dass sich während der Ladeprozesse kein Mensch im Trailer befindet. Gleichzeitig ist unser Gerät in der Lage, menschliches Verhalten zu imitieren. Ein Beispiel: Wenn ein Mensch einen Lkw mit Paletten belädt, drückt er diese immer auf Anschlag seitlich und hinten im Trailer. Der T-MATIC core macht das aufgrund der unterschiedlichen Technologien, die zum Einsatz kommen, genauso. Beim Be- und Entladen kann er auch schräg stehende Paletten aufnehmen. Davon abgesehen ist das Einsatzgebiet des FTS nicht nur auf die Rampe beschränkt. Man kann damit ebenso klassische Punkt-zu-Punkt-Transporte realisieren – oder auch beides mit einer Lösung, gesteuert über unsere Flottenmanagementsoftware.
Bliebe nur noch der Bereich stationäre Automatisierung. Sie hatten das Thema zu Beginn des Gesprächs kurz erwähnt …
Andreas Schneider: Richtig. Ich denke da unter anderem an den Linde S-MATIC cube. Wer ein Maximum an palettierter Ware auf einem Minimum an Fläche unterbringen muss, fährt mit diesem automatisierten 4-Wege-Palettenshuttle denkbar gut. Hier werden wir dieses Jahr noch unser AI-Warehouse auf den Markt bringen, das noch mehr Flexibilität bietet. Kunden, die mit Bins arbeiten, steht dagegen mit dem Linde S-MATIC bin eine hochperformante Ware-zu-Mann-Lösung zur Verfügung. Hier kombinieren wir die blitzschnelle vertikale Ein- und Auslagerung auf bis zu 12 Metern Höhe mit der direkten Bereitstellung an ergonomischen Pickstationen. Ohne weiter ins Detail zu gehen, denke ich, dass die Kernbotschaft für unsere Kunden greifbar geworden ist: Wenn wir von One-Stop-Shop sprechen, meinen – oder besser gesagt – machen wir das auch so!
Veröffentlicht am 06.07.2026



